Chance für Goldkäufer vor Grexit-Wochenende

Von: SW/UF/PA

Mit oder ohne Grexit: Die Glaubwürdigkeit ist bereits verspielt.

Was folgt auf einen Sondergipfel und eine allerletzte Frist? Alle europäischen Schuldensünder wissen spätestens seit dieser Woche, dass ein Ultimatum der EU-Kommission nicht allzu ernst zu nehmen ist. Denn meist folgt ein weiterer Sondergipfel und eine aller-allerletzte Frist. Doch die europäische Führung verspielt mit diesem Hinausschieben das, was die griechische Regierung längst verloren hat: Die Glaubwürdigkeit.


Europa hat turbulente Tage hinter sich - und bis zum Wochenende dürfte Griechenland noch weitere Überraschungen parat haben. Nach dem klaren "Nein" seines Volkes zur europäischen Rettungspolitik im Referendum ist Alexis Tsipras mit Rückenwind, aber ohne seinen umstrittenen Finanzminister Yanis Varoufakis, nach Brüssel gereist. Im Gepäck hatte er - wie sollte es anders sein - noch immer keinen Reformplan, den die Geldgeber im Tausch gegen neue Hilfsmilliarden fordern. Zwar ist inzwischen ein griechischer Antrag auf ein drittes Hilfspaket aus Mitteln des Rettungsschirms ESM eingegangen - doch auch dieses Papier ist "vage" gehalten und enthalte keine geforderten Details zu den griechischen Maßnahmen, wie Luxemburgs Finanzminister Pierre Gramegna am Mittwoch kritisierte. Darüber hinaus ist fraglich, ob weitere Hilfsmaßnahmen in unserer „Demokratie“ ohne Neuwahlen überhaupt als demokratisch anerkannt werden können.

Die Hängepartie um Griechenland geht entsprechend weiter - und sie belastet die Börsen massiv: Der DAX hat die charttechnisch wichtige 200-Tage-Durchschnittslinie bei etwa 10.850 Punkten nach unten durchbrochen und nach seinem Allzeithoch bei über 12.300 Punkten einen Großteil seines Jahresgewinns wieder eingebüßt. Die asiatischen Börsen haben derweil einen durchaus nennenswerten Crash hingelegt, nachdem die Angst vor einer Blasenbildung steigt. Marktbeobachter sehen den Dax in der kommenden Woche wieder im vierstelligen Bereich, wenn es am Wochenende zu einem Scheitern der Verhandlungen zwischen Griechenland und Europa kommt.

Und was macht der Goldpreis? Das Krisenmetall tut das, was es in der Vergangenheit gern in einem fundamental idealen Umfeld getan hat: Es verzeichnet leichte Wertverluste. Allerdings wird diese Bewegung nicht vom physischen Markt getrieben, Privatanleger in Europa bleiben dem gelben Metall treu und haben sogar in den vergangenen Wochen den Markt leergefegt: Einzelne Goldmünzen sind bereits ausverkauft, die US Mint hat gerade eine mehrwöchige Verkaufssperre für Silbermünzen angekündigt - die Lager der Münzprägestätte sind restlos ausverkauft. Warum vor diesem Hintergrund der Silberpreis am Dienstag um mehrere Prozent einbrach, ist nicht logisch mit „Angebot und Nachfrage“ zu erklären.

Für Edelmetallanleger ist in der aktuellen Lage ein Blick auf langfristige Trends und das "big picture" interessant - denn hier sind einige Entwicklungen abzulesen, die Sorgen vor einem weiteren Goldpreiscrash beseitigen sollten: Der Goldpreis befindet sich nach einer fast zehnjährigen Hausse seit drei Jahren in einer Konsolidierungsphase. Die Seitwärtsbewegung ist stabil und hält seit über einem Jahr an.  Die "unsicheren" Hände haben den Markt verlassen, die Privatanleger sind dem Gold treu geblieben. Einige Marktbeobachter erwarten einen finalen Ausverkauf, danach aber eine Fortsetzung des langfristigen Aufwärtstrends. So geht beispielsweise der österreichische Edelmetall-Experte Ronald Stöferle davon aus, dass Gold in drei Jahren bei 2.300 US-Dollar pro Feinunze notiert - der Preis könnte sich also verdoppeln.

Bis dahin ist es allerdings noch ein langer Weg – und in den nächsten Tagen wird zweifelsohne die europäische Krisenpolitik den Goldpreis beeinflussen. Als Griechenlands Ministerpräsident Alexis Tsipras am Mittwoch im Europäischen Parlament seine kruden Thesen verbreitete, machten alle anderen Redner einmütig klar: Europa steht wegen der Griechenland-Krise am Scheideweg. In den kommenden Tagen wird entschieden, ob die „Wiege der Demokratie“ weiter unter dem europäischen Dach überlebensnotwendigen „Schutz“ erhält, oder ob es ein weiteres Mal in der jungen Geschichte der Gemeinschaftswährung zu Rechtsbrüchen kommt – denn die ursprünglichen Verträge von Maastricht wurden bereits mit der Etablierung von EFSF (European Financial Stability Facility) und ESM (European Stability Mechanism) gebrochen und ein Ausstieg aus der Währungsunion ist ferner nicht vorgesehen.

Es steht längst viel mehr auf dem Spiel als das griechische Schicksal: Die Ministerpräsidenten von Italien und Spanien befürchten, dass sich Spekulanten von Griechenland in Richtung des übrigen Mittelmeers aufmachen und andere Staaten finanziell unter Druck setzen könnten. In Spanien läuft sich die „Podemos“-Bewegung warm, die mit dem Kurs der griechischen Regierung sympathisiert. In ganz Europa sind in den vergangenen Jahren nationale Bewegungen entstanden, welche sich offensiv gegen die EU, insbesondere dem Euro stellen – und der Applaus für Alexis Tsipras im Europäischen Parlament macht deutlich, wie breit diese Bewegung inzwischen aufgestellt ist. Spaniens Politik hat als Gegenmaßnahme ein Anti-Protest-Gesetz verabschiedet, welche die Demonstrationsfreiheit erheblich einschränkt und Geldstrafen bei Zuwiderhandlung von bis zu 600.000 EUR verhängt. Ohne richterliche Anordnung können Polizeikräfte die Bürger unmittelbar und ohne Gerichtsverfahren belangen: Meinungsäußerungen und das Versammlungsrecht haben in unserem Demokratieverständnis keinen Platz mehr. Es drohen gar Gefängnisstrafen, wenn Proteste über soziale Netzwerke angekündigt oder mitgeteilt werden! Und mit weiteren Wahlsiegen nach dem Vorbild von Syriza sowie Verhandlungstaktiken à la Tsipras dürfte die „Stabilität“ und Glaubwürdigkeit des europäischen Zahlungsmittels gänzlich scheitern.

Und deshalb ist ein „sicherer Hafen“ wie Gold, selbst wenn er in den vergangenen Tagen mal wieder von den Papiergold-Spekulanten künstlich unter Druck gesetzt wurde, weiterhin wichtig. Die vergangenen drei Jahre der Seitwärtsbewegung beim Gold haben gezeigt, dass die „starken“ Hände ihre Münzen und Barren nicht gegen Papiergeld eingetauscht haben, welches sich beliebig vermehren und entwerten lässt. Und bis zum großen Griechenland-Showdown sind es nur noch zwei Handelstage – Kurzentschlossene sollten also schnell ihre Bestellungen aufgeben, bevor es am Sonntag zu einem „Grexit“ oder vielleicht schon davor zu einem „Graccident“ kommt.